Lebendige Dörfer in Mecklenburg

Diese Lernreise führt auf den Spuren nachhaltiger Dorfentwicklung von Qualitz bei Bützow über Witzin und Mestlin bis nach Wangelin bei Plau am See. Neulandgewinner*innen begleiten die Reisegruppen, die auf ihrer Tour auf Schulklassen, Stadtplaner*innen sowie auf Menschen aus Politik und Verwaltung treffen – und von deren spannenden Ideen und Impulsen zur Zukunft des Dorfes erfahren.

regiokarte mecklenburg mitrand

Orte:
(optional mit anderen Orten kombinier-, erweiter- oder kürzbar)

  • Qualitz
  • Witzin
  • Mestlin
  • Wangelin

 

Dauer der Reise
3-5 Tage, zurückgelegte Strecke ca. 70km

Fortbewegung
Mit Mietbus, eigenem PKW oder Rad (nach Absprache)

Kosten: Etwa 100 Euro pro Tag und Person inklusive Verpflegung und Übernachtung bei den Projekten.


qualitz1

Schmieden, schweißen, malen, meißeln, hämmern, schnitzen, löten – es gibt wohl kaum ein Handwerk, das Kinder und Erwachsene im offenen Werkstatthaus in Qualitz nicht lernen könnten. Es ist ein fröhliches, belebtes Haus, dessen Türen für alle offen sind. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Lernen von neuen Fertigkeiten – unabhängig von Alter und Vorwissen. Und das sogar täglich. „Uns war es wichtig, permanentes Tun aufs Land zu bringen. Kein Blitzlicht, sondern ein stetiges Angebot direkt vor der Haustür“, erläutert Barbara Wetzel vom Allerhand Verein.

weiterlesen

 

Das Angebot umfasst regelmäßige Kurse, Vorträge, Workshops, einen Mathekreis, gemeinsames Singen, Krabbelgruppen, Waldtage und eine offene Werkstatt. Insgesamt zwanzig Stunden pro Woche. Für ein Dorf mit 380 Einwohnern ist das ziemlich viel.

Barbara Wetzel ist eine der Gründerinnen des Allerhand e. V., dem Verein, der die Werkstatt betreibt. "Wir haben unsere Werkstatt gegründet, um lebenslanges Lernen zu ermöglichen", erklärt die gelernte Bildhauerin. Bevor die Werkstatt 2014 in die Räumlichkeiten des zuvor leerstehenden Hofes einzog, mussten Eltern ihre Kinder für Freizeitaktivitäten bis ins dreißig Kilometer entfernte Güstrow fahren – vorausgesetzt sie hatten Zeit dafür. Deshalb ist das Haus noch viel mehr als ein Lernort: Es ermöglicht allen die Teilnahme – unabhängig vom finanziellen Hintergrund – und sorgt so für ein besseres Miteinander im Dorf. Auch die Schulen und Kitas haben inzwischen den Wert erkannt und integrieren das Vereinsangebot in den Lehrplan. Die Kurse wiederum sind auf den Busfahrplan abgestimmt, damit auch die umliegenden Ortschaften vom Angebot profitieren. Das hat sich herumgesprochen. Barbara Wetzel: „Es sind schon junge Familien nach Qualitz gezogen, weil es unser Angebot gibt.“


Witzin: Dorfgestaltung mit Trompeten und Herz

Um zu verstehen, was im 478-Seelenort Witzin gerade passiert, gibt es eine schöne Geschichte: 2012 musste der Kindergarten wegen Unwirtschaftlichkeit schließen. Ein Jahr später öffnete er wieder mit nur einem Kind. Inzwischen sind es 39 Kinder. Die Gemeinde wächst, vor allem durch junge Familien. Grund dafür sind mutige Vereine und der unkonventionelle Bürgermeister Hans Hüller, der sich immer wieder Neues für sein Dorf einfallen lässt. „Et löpt einfach. Miteinander reden, kurze Wege nutzen“, sagt der Bürgermeister Hans Hüller. „Und wenn Worte nicht mehr reichen, dann müssen Taten sprechen.“

weiterlesen

 

So frischte der gelernte Bäcker und Programmierer 2015 seine Trompetenkenntnisse auf und gründete ein Dorforchester. Um für Nachwuchs in den Musikgruppen zu sorgen, organisierte er 60 Trompeten und Gitarren und glaubte an die Neugier der Kinder. Der Plan ging auf: Die „Witziner Dorfmusikanten“ wuchsen auf 70 Musiker an. Manche der Kinder haben wieder aufgegeben, aber Hans Hüller ist sich sicher, dass der Samen gut gesät ist. Schließlich gibt es noch andere Aktivitäten, bei denen sie mitmachen können: Sich beim Heimatquizabend mit den älteren Dorfbewohnern messen oder beim Brotbacken für das nächste Dorffest mit anpacken.

Ideen für Witzin gehen dem Bürgermeister nicht aus. Seine neueste Vision: Witzin zum Bioenergiedorf machen. Dafür testet er gerade eine Solaranlage, Marke Eigenbau. Wenn die funktioniert, kann sie zur Blaupause für andere Haushalte werden. Auf die Frage, was das Geheimnis von Witzin ist, weiß er schnell eine Antwort: „Alles kann, nichts muss!“


mestlin1

Die Idee hinter dem sozialistischen Musterdorf Mestlin könnte aus der Gegenwart stammen: Die Urbanisierung des Landes, Landflucht vermeiden, den ländlichen Raum lebenswert gestalten. In den 50er Jahren nahm die DDR dafür viel Geld in die Hand. Den Dorfbewohnern sollte es an nichts fehlen – auch nicht an einem Kulturhaus. Das Konzept ging auf: In Mestlin blühte das Leben. Doch nach der Wende musste das Kulturhaus schließen. Seit 2008 bemüht sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin rund um Claudia Stauß, den Prachtbau wieder zum Treffpunkt für die Menschen zu machen. „Manche haben hier die wichtigsten Stationen ihres Lebens gefeiert. Einschulungsfeier, Jugendweihe, Hochzeit. Wir wollen das Haus Schritt für Schritt wieder beleben“, sagt Claudia Stauß vom Verein Denkmal Kultur Mestlin.

weiterlesen

 

Dafür mussten die gelernte Bühnenmeisterin und ihre Mitstreiter fast bei null anfangen: Die vorherigen Pächter hatten alles Mobiliar und Equipment mitgenommen, Leitungen waren kaputtgefroren. Mit Hilfe von regelmäßigen Subbotniks – ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen am Samstag (subbota ist russisch und heißt Samstag) – konnten bereits 2008 wieder Veranstaltungen stattfinden. Parallel begannen ein Jahr später die Umbauarbeiten, Schritt für Schritt bis heute. Insgesamt sind schon 1,5 Millionen Euro Fördermittel verbaut. Für einen ehrenamtlichen Verein eine große Summe. „Wir entwickelten nach und nach eine große Idee, schon ahnend, dass es ein weiter Weg sein würde, den wir mit immer neuen kleinen Schritten gehen müssen.“. Seit 2011 ist das Gebäude als national bedeutsames Denkmal anerkannt. Wer über Kulturpolitik im ländlichen Raum spricht, kommt an Mestlin mittlerweile nicht mehr vorbei. Und das alles nur aufgrund der Beharrlichkeit einer Kerngruppe von 15 Ehrenamtlichen.


Wangelin: Bauen für die Seele

Manche Leute haben einen grünen Daumen. Klaus Hirrich hat zwei grüne Hände. Weil die Landschaft in und um die Dörfer Wangelin und Gnevsdorf „so leer geräumt aussah“, begann der gelernte Schlosser in den neunziger Jahren zusammen mit vielen Mitstreitern, Bäume zu pflanzen. Und hörte nicht mehr damit auf: „50.000 müssen es mittlerweile sein“, sagt er. Im Schatten der gepflanzten Bäume blüht der Wangeliner Garten mit dem größten Kräutergarten Mecklenburgs und 900 Pflanzensorten auf 15.000 Quadratmetern. „Wir wollen möglichst vielen Menschen in der Region einen Platz zum Leben und Wohnen schenken – im Einklang mit der Natur.“

weiterlesen

 

Bis zu 9.000 Touristen kommen dafür jährlich ins Dorf. Doch nicht nur deswegen: Ein Holzschuppen wurde zum Tauschhaus umfunktioniert, eine Filzmanufaktur ist entstanden und Obst und Kräuter werden zu besonderen kulinarischen Spezialitäten weiter verarbeitet. „Was wir seitdem geschafft haben, ist irgendwie ein Gesamtkunstwerk. Als Leistung Einzelner könnte man das gar nicht begreifen, sondern nur als Gemeinschaftsleistung“, sagt Klaus Hirrich. International bekannt ist das Dorf westlich des Plauer Sees inzwischen aber vor allem für die Lehmbauschule, in der sich Gäste aus ganz Europa und darüber hinaus ausbilden lassen. Auch interessierte Laien können sich in Schnupperkursen ausprobieren und lernen, was Bauen mit Lehm für die Seele bedeutet: Ressourcen schonendes und gleichzeitig ästhetisches Bauen. Träger all dieser Aktivitäten ist der Verein FAL. Die Abkürzung steht für Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse. Und darum geht es: Möglichst vielen Menschen in der Region im Einklang mit der Natur einen Platz zum Leben und Wohnen schenken. Nach der Wende bedeutete das vor allem, Beschäftigung schaffen und Abwanderung vermeiden. Heute bedeutet es: Menschen, die durch das vielfältige Angebot in Wangelin angelockt werden, die Möglichkeit zu eröffnen, hier neu anzufangen.