Sachsen-Anhalt im steten Wandel

Durch alte anhaltische Obstalleen, das Land der Askanier und entlang der Straße der Romanik führt diese Neulandgewinnerreise, mit Blick auf zahlreiche Relikte des Strukturwandels seit den 1990er Jahren: Industrieanlagen, Gartenstadtsiedlungen und Großwohnsiedlungen in industrieller Bauweise sind Zeugen der Umbrüche ebenso wie durchfunktionalisierte landwirtschaftlichen Flächen rechts und links des Weges. 

Unmittelbar stellt sich die Frage, wie eine neue Gegenwart und Zukunft gelingen können, was Menschen dazu bewegt, ihren Lebensmittelpunkt hier zu gestalten? Das erfahren Sie auf dieser Route bei den Neulandgewinner*innen und ihren Akteursgruppen in Dessau, Quetzdölsdorf, Mösthinsdorf, Ballenstedt und Staßfurt: Wie man nicht nur das eigene Leben, sondern auch das seiner Mitmenschen und den eigenen Ort nachhaltig gestaltet, einen neuen Zusammenhalt schafft und positive Perspektiven entwickelt.

ROUTE Anhalt

Orte:
(optional mit anderen Orten kombinier-, erweiter- oder kürzbar)

  • Dessau
  • Quetzdölsdorf,
  • Mösthinsdorf
  • Ballenstedt
  • Staßfurt

 

Dauer der Reise
3-5 Tage, zurückgelegte Strecke ca. 170 km

Fortbewegung 
Diese Reise kann in Teilstrecken mit Bus und Bahn zurückgelegt werden. Mit Mietbus, eigenem PKW oder Rad (nach Absprache) kommt man an die anderen Orte.

Kosten
Etwa 100 Euro pro Tag und Person inklusive Verpflegung und Übernachtung bei den Projekten


Schloss Hohenerxleben und Bunte Insel Staßfurt –
aufgemuntert und aufgewertet

Alle Wege führen irgendwie zum Schloss Hohenerxleben, das engagierte Stiftungsmitglieder in mehr als 20 Jahren liebevoll restauriert und dem sie auf vielfältige Weise Leben eingehaucht haben: So finden hier seit einigen Jahren Kunst und Theater, Hotel und Kulinarik statt. Von hier strahlen Ideen und Anregungen aus, verweben sich kunstvoll und weisen zurück in die – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen – vorm Versinken bedrohte Stadt. Bis zum Projekt Bunte Insel Staßfurt: Hier wie dort ist die künstlerische Leiterin und Neulandgewinnerin Nikoline Kruse aktiv, motiviert Menschen und animiert insbesondere Kinder, kreativ zu werden.

weiterlesen

 

Wie beiläufig hat sie in diesen Jahren eine ganz eigene, an den Ort und seine widrigen Umstände angepasste Pädagogik geschaffen. „Eine Aufmunterung zur Selbstbildung“ nennt Nikoline Kruse das und meint damit nicht weniger als das Zusammenspiel aller Beteiligten auf Augenhöhe. Dazu passt thematisch insbesondere ihr Kunstprojekt „Wir möbeln auf“, bei dem sie mit Kindern Möbel und Stühle upgecycelt und die Frage gestellt hat, ob sich alle Sitzenden auf Augenhöhe begegnen können. Projekte gibt es viele, vom Kritzeltag bis zu Kunst im Park oder Licht in allen Läden. Wichtig ist ihr dabei, dass Kinder wie Erwachsene durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Wertschätzung bei der künstlerischen Arbeit ihre Kommunikation untereinander und damit die Beteiligung an den Belangen der Stadt verbessern. Die einfache Erkenntnis, dass „Wert schöpfen durch Wert geben“ einen wünschenswerten Verhaltensansatz bilden, ist philosophischer Grundsatz und Vision der Stiftung zugleich und wird sowohl im Schloss wie in der Bunten Insel praktiziert. Dass das Aufmuntern zur Selbstbildung sogar vermochte, rechte Radikalisierung aufzuhalten und verloren Geglaubte wieder für mehr Nachbarschaftlichkeit zu gewinnen, ist nicht nur Glück: Respekt und eine tiefe Verbundenheit untereinander und zum eigenen Ort, die solch eine Art der Zusammenarbeit bewirkt, entstehen jeden Tag aus engagierter, empathischer Arbeit. Seit neuestem bahnt sich aus dem Wunsch der Kinder, ein Kindercafé in Staßfurt einzurichten – wo sie natürlich mittun – ein Weg in die Wirklichkeit.


Heike Dessau IMG 4771 web

Haben Sie schon einmal von der blauen Kartoffel gekostet? Vor der eigenen Haustüre Wasser und Energie gewonnen und auf dem Balkon Gurken und Tomaten gepflanzt? Wer sich fragt, wie das geht, sollte unbedingt nach Dessau reisen und Neulandgewinnerin Heike Brückner und ihr Urbanes Farm Team treffen: Seit Jahren sind sie unermüdlich dabei, ihre Stadt, die in den 20er Jahren vom Bauhaus Dessau geprägt wurde, Schritt für Schritt in eine nachhaltige, zukunftsweisende, grüne Stadt zu verwandeln.

weiterlesen

 

Man muss nicht Stadtplaner*in sein, um sich zu fragen, wie man wenig attraktive Parkplätze, Gewerbegebiete, Straßenränder, Stadtbrachen, Bahntrassen, Betonareale, Abbruchstellen in lebenswerte Orte verwandeln könnte. Heike Brückner, Landschaftsarchitektin und Mitarbeiterin der Stiftung Bauhaus Dessau, ist mit ihrem Team seit 2002 dabei, die in der Stadt entstehenden Lücken für grüne Projekte zu erschließen. Und dabei ihre Stadt, die sie als Experimentierfeld sieht, und die Bewohner*innen direkt mit einzubinden.
Mittlerweile begegnen einem dort, wo innerstädtisch industriell gefertigte Wohnblöcke abgerissen wurden, neue, essbare Gärten – sei es in Form von Hochbeeten, Kartoffelfeldern, Streuobstwiesen, Inselblühstreifen oder hübschen Pflanzen an Paneelen und auf Balkonen – artenreich angelegt, im Solarhaus vorgezogen. Wer von den Dessauern wissen will, wie das geht, sich – und sei es auf kleinstem Raum, nämlich auf dem Balkon – selbst zu versorgen, kann bei der Solidarischen Landwirtschaft mitmachen, ein Praktikum absolvieren und urbaner Gärtner werden. Während die Kinder auf den neu kreierten Spielplätzen nebenan urbane Bäuerin spielen und mit etwas Glück die städtischen Ziegen beobachten können.
Um den Gedanken der Nachhaltigkeit voranzutreiben, hat die Urbane Farm in jüngster Zeit nicht nur eine Quartierskantine eingerichtet, sondern Solarpaneele und Zisternen gebaut. So werden Energie und Wasser direkt vor Ort gewonnen, Kreisläufe geschlossen und unnötige Transportwege vermieden. Was fürs Klima gut ist, ist auch gut fürs Soziale: Eingebunden sind örtliche Firmen und Bürger*innen, die sich hier begegnen und im gemeinsamen Schaffen neu er-finden. Sie als Reisende können förmlich miterleben, wie sich eine triste Stein- in eine blühende Landstadt verwandelt; wie eine grüne, genussvolle Oase wächst, auch, was das Gemeinwesen anbelangt.


%MCEPASTEBIN%

LandLebenKunstWerk – eine Welt voller Ideen

Über Quetzer Berg und Fuhne-Aue nähern sich die Reisenden, um nach Quetzdölsdorf zu gelangen.
Welch blühender Empfang wird den Gästen bereitet! Im Frühjahr ein Wäldchen voller Bärlauch und im Sommer ein Wall aus Rosen auf der Festwiese, dazwischen Klettergeräte und ein Spielplatz. Daneben das verwunschene Schloss mit Teich, der mit Flieder und Lindenbäumen umstandene Pfarrhof. Weiter geht es durch den Türbogen in den Innenhof zur Pfarrscheune mit den lauschigen Sitzecken. Angekommen. Denn just hier befindet sich der Verein LandLebenKunstWerk – und Wirkungsort von Neulandgewinnerin Christine Wenzel.

weiterlesen

 

„Dorfentwicklung ist mehr als ein Straßenerneuerungsprogramm“, ist Christine Wenzel überzeugt, ihres Zeichens Agraringenieurin, Projektentwicklerin und Allroundgenie. Und spricht damit aus, was sie und die anderen Gründer*innen von LandLebenKunstWerk denken und aus tiefstem Herzen fühlen: Dass nämlich ökologische und ökonomische Strukturen auf dem Land grundlegend verbessert und die sozio-kulturelle Basis eines Dorfes gestärkt werden sollten – was eben mehr bedeutet, als ein bisschen Asphalt auf rissige Straßen zu kippen. Dementsprechend geben sie seit 2002 neue Impulse in ihr Dorf und kreieren praxisnahe Projekte zusammen mit den Menschen vor Ort: Tag des offenen Dorfes, Sonntagscafé und neue Dorfmitte sind nur einige prominente Beispiele ihres Wirkens neben dem selbst angelegten Bio-Gemüsegarten und den wohlig duftenden Rosen.
Auch der eigens gebaute Hochseilgarten und die abenteuerlichen Baumhäuser, in denen ganze Schulklassen schlafen konnten, dienten dem Team-Building. Warum konnten, warum dienten? Weil Häuser und die dadurch sich erschließenden Horizonte nun der Vergangenheit angehören sollen. Bloß weil der Verein das gepachtete Gelände nicht kaufen konnte? Glücklicherweise nicht. Geblieben ist ein weiter Horizont an Erfahrungen auf Seiten der Akteur*innen, die erzählen können, wie man von der Idee zum Projekt kommt und ein ganzes Dorf aktiviert. Wie man Menschen mobilisiert und Gruppendynamiken kanalisiert. Auf einem Rundgang durch Haus, Hof und Scheune lässt sich das alles besprechen und beim gemeinsamen Bereiten eines abendlichen Mahls in gemütlicher Runde noch mehr vertiefen – als Einstimmung auf eine Nacht in der Scheune.


Mösthinsdorf 5 web

Renovierte Häuser, blühende Gärten, ein unsaniertes Gutshaus und eine romanische Kirche. Das zusammen macht Mösthinsdorf im Saalekreis aus, nur etwa eine halbe Stunde von Halle gelegen. Einen Katzensprung entfernt befinden sich die geschichtsträchtigen Orte Zörbig und Ostrau. Inmitten des kuscheligen Dorfes steht das neu errichtete Dorfgemeinschaftshaus, ein schicker Flachbau – natürlich barrierefrei: Und da kommt auch schon Ronny Krimm, der Vorsitzende des Mösthinsdorfer Heimatvereins Wildtulpe. Sein Anliegen ist es, mit dem Landkulturhaus einen neuen Dorfmittelpunkt und ein aktives Gemeinwesen zu erschaffen.

weiterlesen

 

Ein erster Eindruck: Aus den Mauern ertönen vielstimmige Gesänge – sie stammen von den Seniorinnen der Tagespflege Wildtulpe und dem Vereinschor. Cut. Männer stapeln Stühle, rücken Tische, fröhlich redende Frauen präsentieren Produkte des Kreativzirkels. Cut. Perfekte Torten werden zu perfekt organisierten Veranstaltungen kredenzt. Cut.
Drei Einblicke, viele Ausblicke: Denn hier sollen künftig noch zahlreiche andere Veranstaltungen stattfinden, seien sie musischer, kreativer oder kultureller Art – sowie Gesundheit und Natur. „Idee ist“, erzählt Ronny Krimm, „das neu erbaute Haus mit vielfältigem Leben zu erfüllen und zu einem offenen Haus zu machen.“ Ziel ist, generationenübergreifend zu wirken und den Menschen entsprechende Kompetenzen an die Hand zu geben, um selber aktiv zu werden, zu organisieren, zu gestalten und zu verwalten – ganz nach dem Motto „gemeinsam statt einsam“.
„Ich bin überzeugt davon“, ist Ronny sich sicher, „dass nur gemeinsam, generationsübergreifend und regional verbindend das Leben im ländlichen Raum optimal gestaltet werden kann.“ Dabei geht es um nicht weniger als das: dem Dorf Leben einzuhauchen, den KULTURhaus-Gedanken neu zu beleben und die verschiedenen Generationen miteinander zu verbinden – auch und trotz zahlreicher Stolpersteine. Das KULTURhaus soll eine gute Basis sein, wo Begegnung und Erfahrungsaustausch stattfinden können und in die gesamte Region wirken. Wo gemeinsam gesungen, gelacht, gebastelt, wird. Und selbst gebackene Torten gemeinsam genossen werden. Wen verwundert’s? In Gemeinschaft schmeckt es einfach besser.


Kunstkurort Ballenstedt –
kreativ, kooperativ und querdenkerisch

Mitten im hügeligen Harzvorland gelegen erreicht der Reisende Ballenstedt. Noch heute strahlt die ehemalige Residenzstadt landschaftliche und architektonische Eleganz aus. Ein Stigma bleibt jedoch der monumentale Bau auf dem Berg. Er zeugt von der schwierigen Vergangenheit, als hier im 2. Weltkrieg die Nationalpolitische Erziehungsanstalt Napola thronte, spätere Unterkunft der Kaderschmiede der SED.
Gleichwohl stellten sich Neulandgewinnerin Nicole Müller und ihr Team aus dem Verein HeimatBewegen die Frage: „Wie können wir den ländlichen Raum nicht nur für Touristen, sondern insbesondere für unsere Mitmenschen in Stadt und Land aktiv gestalten?“ Und packten an. Seither erfüllen sie „ihr Kulturgut“ Ballenstedt mit neuem Leben – im Verbund mit vielen anderen Partnern.

weiterlesen

 

Selbst mit Baby auf dem Arm wird gewirbelt: Gerade ist die denkmalgerechte Sanierung eines sehr alten Hauses mit weitliegendem Areal aus Fachwerk-Ställen in vollem Gange. Sie werden zu Veranstaltungsräumen umgebaut, die dreigeschossige Scheune soll das Wohnhaus werden. Macherinnen der vielgestaltigen Projekte sind Nicole Müller und ihre Mitstreiterinnen. Rück- oder Heimkehrerinnen im besten Sinne, sind sie in Ballenstedt aufgewachsen, zur Ausbildung fortgegangen und mit neuen Ideen und Inspirationen zurückgekehrt. Begonnen hat alles damit, dass sie dem drohenden Verfall der Stadt nicht hatten zusehen wollen. Daraus erwachsen sind zahlreiche Projekte, die alle der dringliche Wunsch eint, Gegenwart und Zukunft mit zu gestalten. Aus der Frage „Wie vitalisieren wir das Gemeinschaftsleben und fördern die Verwirklichung von Träumen und Visionen?“ ist der Slogan entstanden: „Stellen Sie sich vor ... Ihre Stadt wäre wunderbar und Sie sind schuld daran!“ Seither mobilisieren sie erfolgreich Künstler, Gärtner, Köche und Designer, gestalten, verwalten, projektieren, diskutieren, werben Gelder ein, schaffen neue Netzwerke und mehr Akzeptanz für notwendige Änderungen. Das neueste Projekt nennt sich Kunstkurort Zauberberg, ein Festival mit Kunst, Kultur auf besagtem Zauberberg – in ursprünglicher Natur und alter Anlage, mit neuer Prägung und utopischen Sommernachtsträumen. All das geschieht für eine gemeinsame Zukunft – und damit das Baby später als junger Mensch auch gerne in Ballenstedt bleibt.