V. Forum am 29.11.2017 in Berlin

Konferenz der Akteure

Unter dem Titel „Gesellschaft selber machen“ trafen sich am 29. November 2017 in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin mehr als 160 Teilnehmer zum V. Forum Neulandgewinner, der „Konferenz der Akteure“. Ihr Anliegen: gemeinsam die Herausforderungen zu identifizieren und anzugehen, welche gesellschaftliches Engagement für jeden Einzelnen mit sich bringt. Eingeladen hatte die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume.

Viele Neulandgewinner waren unter den Gästen. Aber auch Aktive aus ganz Deutschland sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Für die anwesenden Akteure bot das Forum eine Gelegenheit, sich selbst zu verorten: Wo stehen wir – mit unseren Projekten, unserem Einsatz, im Dialog mit Verwaltung und Politik? Wer engagiert sich noch? Ein Büchertisch bot zusätzliches Informationsmaterial, darunter war auch das 2016 erschienene Buch „Neuland gewinnen“ zu finden. Die Wanderausstellung „Raumpioniere in M-V“ des Landesfrauenrates Mecklenburg-Vorpommern stellte erfolgreiche Projekte im ländlichen Raum vor. Wer sich zur 4. Runde des Neulandgewinner-Programms bewerben wollte, konnte sich bei der Antragsberatung informieren.

In den moderierten Diskussionsrunden und im offenen Austausch kam zur Sprache, was Initiativen befeuert oder sie erstickt. Zentrale Fragen: Wie werden Dörfer lebenswerter? Wie entsteht aus einem kleinen Projekt eine große Bewegung? Ist es die Aufgabe der Bürger, das Miteinander durch eigene Initiative zu stärken? Oder müssen sie Gesellschaft selber machen, weil andere ihrer Verantwortung nicht nachkommen? Wo finden Freiwillige Rückhalt – und wie überwinden sie Widerstände?

Erste Antworten darauf fanden sich auf der Mindmap im großen Konferenzraum der Landesvertretung, ein Ergebnis des Online-Dialogs, der der gemeinsamen Vorbereitung der „Konferenz der Akteure“ vom Frühjahr 2017 an diente. In den sieben Ideenlaboren wurde die dabei aufgeworfenen Fragen weiter vertieft. Deren Ergebnisse (siehe unten) waren Ende der Konferenz Gegenstand der Diskussion, an der auch weitere geladene Gäste aus Politik und Medien teilnahmen.

mindmap groß

Durch die konkreten Ansätze angespornt, entstand ein intensiver Austausch über mögliche Wege der Förderung von Akteuren im ländlichen Raum: Uta-Micaela Dürig betonte die Notwendigkeit von Kooperationen sowohl im regionalen Kontext als auch darüber hinaus, um hier neue Lösungen zu entwickeln. Echte Mitwirkungsmöglichkeiten statt einfacher Partizipation stehen für Beatrix Tappeser im Mittelpunkt: solidarische Landwirtschaft, gemeinschaftliches Wohnen, Co-Working oder auch gemeinsame Dorfentwicklung müssen aktiv gefördert werden. Der Sehnsucht nach selbstbestimmter Entwicklung ist auch Annette Jensen bei ihren Recherchen immer wieder begegnet. „Wie müsste es so gut sein?“, dass sich nicht die Ideen an Förderprogramme anpassen, sondern die Förderprogramme Raum für selbstinitiierte Entwicklungen bieten. Sehr kontrovers wurde in diesem Zusammenhang die Handhabbarkeit von LEADER-Mitteln diskutiert. Doch in einem Punkt waren sich alle einig: Akteure sollten mehr Wertschätzung erfahren. Damit in Zukunft noch mehr Menschen den Schritt ins Neuland wagen.


Die Ideenlabore

Wer in Zukunft etwas bewegen will, muss heute aktiv werden. Angeregt durch den online geführten Neuland-Dialog hatten einige Akteure sieben Ideenlabore für das Forum vorbereitet. In diesen Arbeitsgruppen, die allen Teilnehmern offen standen, ging es weniger um Probleme. Gesucht wurden Lösungen: Was brauchen Menschen, wenn sie Gesellschaft selbermachen wollen? In den sieben Runden trafen Engagierte aus dem ländlichen Raum auf Stadt-Aktivisten, Wissenschaftler auf interessierte Bürger und Politiker auf Stiftungsvertreter. Aus ihren individuellen und zum Teil auch konträren Ansätzen entstanden im Lauf des Tages Leitfäden, Methoden und Konzepte, die das Engagement in der ländlichen Zivilgesellschaft unterstützen. Die anschließenden Präsentationen brachten neuen Diskussionsstoff. Aber auch spannende und ganz konkrete Projekte, die nun auf ihre Umsetzung warten. Erste Ergebnisse können bereits jetzt unter den einzelnen Ideenlaboren herunterladen werden. Hier werden auch zukünftig weitere Fortschritte dokumentiert.


IL lernreisen alt

Zu wenig Mitstreiter, fehlender Raum, kein Entgegenkommen seitens der Verwaltung: Viele Neulandgewinner sehen sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Warum, fragten sich die Teilnehmer am Ideenlabor „Lernreisen ins Neuland“, sollen sich Akteure an den immergleichen Baustellen abarbeiten, wenn sie sich Lösungswege auch bei anderen abschauen können? So entstand die Reise-Initiative „Neulandgewinner on tour“, die Reiserouten für Neulandgewinner, für Menschen, die sich engagieren wollen und für Menschen aus Politik und Verwaltung entwickeln wird, um ganz konkrete Erfahrungen an ganz konkreten Orten anschaulich zu machen. Mit der Umsetzung dieser Erfahrungsreisen begann die Arbeitsgruppe noch während des Forums. Konkrete Routen wurden erarbeitet. Beim gerade gegründeten Verein „Neuland gewinnen e.V.“, der die Lernreisen weiterentwickeln wird, haben sich schon die ersten Reisewilligen angemeldet.

Mindmap-Ergebnis (Konzeptpapier folgt)

IL NlgdL

Mit dem Neulandgewinner-Programm unterstützt die Robert Bosch Stiftung Menschen dabei, die Lebensbedingungen auf dem Land zu verbessern. Auch vier ostdeutsche Bundesländer beteiligen sich mittlerweile direkt an der Förderung und schicken ihre „Neulandgewinner der Länder“ ins Rennen. Doch auch im Westen kämpfen Dörfer und kleinere Städte gegen Leerstand und fehlende Perspektiven an. Daher diskutierten die Teilnehmer dieses Ideenlabors die Möglichkeiten der Ausweitung des Programms auch in den Westen und formulierten gemeinsame Prinzipien der Förderung: Zentral ist eine Förderung der Personen. Zudem sollten sich die Projekte inhaltlich während der Projektlaufzeit verändern dürfen und ein Scheitern von einer kreativen Idee mit einkalkuliert werden. Wichtigste Voraussetzung auch hier: die Wertschätzung der lokalen Akteure.

Thesenpapier Mindmap-Ergebnis

IL wirken

Wer Veränderung in Gang bringen will, muss tradierte Strukturen aufbrechen. Immer wieder stoßen aktive Menschen dabei auf die immer gleichen Vorurteile. Zehn solcher Vorurteile gingen die Teilnehmer dieses Ideenlabors – darunter ein Bürgermeister und mehrere Verwaltungsmitarbeiter – auf den Grund. Gemeinsam entwickelten sie Denkansätze, um diesen Klischees positiv zu begegnen. Aus „Die Bürgermeister und Stadtverordnete sehen nicht die Potentiale neuer Ideen und müssen zu viel Rücksicht auf lokale Politik nehmen“ wurde „Gerade in kleineren Städten sind gute Ideen willkommen. Mit guten Konzepten und professioneller Umsetzung kann man überzeugen. Werde selber Teil der Politik: hilf Kommunikation mit Bürgermeistern und lokaler Politik herzustellen.“ Als Kommunikationsleitfaden sollen diese positiven Aussagen in Zukunft allen Akteuren zur Verfügung stehen, zum Beispiel als Kalender für Büro oder zu Hause.

10 Denkansätze

IL netzwerkgeld

Eine große Gruppe fand sich zusammen, um in diesem Ideenlabor über alternative Finanzierungsmodelle nachzudenken. Denn viele Akteure haben für ihre Projekte kein Geld – häufig nicht einmal den für manche Fördermodelle notwendigen Eigenanteil. Mikrofinanzierung, Gutscheine oder eine Netzwerk-eigene Währung könnten Mittel sein, um Projekte anzuschieben oder erhaltenes Fördergeld länger im Umlauf zu halten. Die Idee einer NLG-Währung stieß auf breite Zustimmung. Der starke Zusammenhalt der Neulandgewinner untereinander würde diese sicher stabilisieren. Ein Nachteil könnte sein, dass ein Netzwerk-interner Geldkreislauf die Zusammenarbeit der Geförderten mit Handwerkern oder Dienstleistern in ihrer Kommune erschwert. Statt das Miteinander vor Ort zu unterstützen vergrößere sich so die Distanz. Die für ein Netzwerkgeld notwendige Technik steht dank dem NLG-Projekt „Schüler machen Geld“ bereits zur Verfügung. Nun geht es um die konkrete Ausarbeitung der Idee unter Obhut des Vereins „Neuland gewinnen“.


IL kultur

Welche Impulse kann Kultur im ländlichen Raum geben? Und was benötigen Kulturschaffende, um erfolgreich wirken zu können? Mit vier provokanten Thesen setzten sich die Teilnehmer dieses Ideenlabor mitunter sehr kontrovers auseinander: Nichtsnutzigkeit bedarf der Pflege. In Kultur investiertes Geld ist verlorenes Geld. Konservation ist Veränderung. Kultur bringt größtmögliche Kakophonie. Kultur bewegt – das Ideenlabor hat dies einmal mehr anschaulich gezeigt. Es gab eine deutliche Differenz zwischen den Künstlern selbst und ihren Auffassungen, was Kunst leisten kann und dem, was andere von Kunst erwarten und welche Funktion Kunst und Kultur bei der Entwicklung ländlicher Regionen spielen könnte.


IL ZukunftsfaehigeDoerfer

Im größten der sieben Ideenlabore ging es um die Frage, was ein lebenswertes Dorf ausmacht. Obwohl sich die Teilnehmer der vier gebildeten Arbeitsgruppen grundsätzlich einig waren, stiegen sie mit zum Teil sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die Diskussionen ein: Während Breitbandanschluss, Dorfkneipe oder Kita in den Dörfern im Westen meist vorhanden sind, fehlen sie in denen im Osten häufig. Einen Konsens fanden die Gruppen dennoch. Sie präsentierten eine Liste mit Faktoren, die zukunftsfähige Dörfer brauchen: Partizipative Dorfentwicklung, die alle einlädt, sich zu beteiligen. Orte der Begegnung an denen Ideen entstehen können. Befähigung der Akteure durch Austausch und Schulungen. Eine am Gemeinwohl orientierte Ökonomie. Und mehr Wertschätzung für die Chancen und Freiräume, die das Dorfleben bietet.

Ergebnis-Plan 1 Ergebnis-Plan 2 Ergebnis-Plan 3 Ergebnis-Plan 4 Ergebnis-Plan 5

IL planen

Engagierte Bürger und Verwaltungen sprechen nicht immer die gleiche Sprache. Um Akteure und Behörden miteinander ins Gespräch zu bringen, entwickelte dieses Ideenlabor einen Weiterbildungsvorschlag für Akteure und Verwaltungsmitarbeiter. Gemeinsam sollen in den verschiedenen Modulen unter anderem respektvolle Gesprächskultur, Aufbau von Unterstützungsstrukturen und kooperatives Handeln trainiert werden. Ein im Ideenlabor entwickeltes Zertifikat bescheinigt die erfolgreiche Teilnahme. Damit Akteure und Verwaltungen in Zukunft gemeinsam die Freiräume ausloten, die zur Verfügung stehen und so zusammen Gesellschafft mitgestalten. Im Verein „Neuland gewinnen“ ist eine Arbeitsgruppe entstanden, die an den Ergebnissen weiterarbeiten wird.